What a f*cking sense of entitlement: Eine Erklärung

In den letzten zwei Tagen schwappte eine Diskussion rund um den Blogbeitrag eines jungen Journalismus-Studenten durch die sozialen Medien. Er hatte am Assessment-Center des ORF teilgenommen, um mit Verspätung zu erfahren, dass keine Bewerber aufgenommen wurden, was im Blog zur Feststellung führt: „Ich wurde in meinem Leben noch nie so respektlos und miserabel behandelt.“ Derstandard.at zitierte, Armin Wolf antwortete polemisch, der Bewerber erklärte sich – und ich hinterließ auf der Facebook-Page von Armin Wolf einen irritierten Kommentar, der begann mit: What a f*cking sense of entitlement. Viele haben meine Irritation nicht verstanden – daher hier eine Erklärung. Ich schreibe sie ohne link auf den Originaltext und ohne Namen, weil ich den Autor beileibe nicht persönlich angreifen will – im Gegenteil, ich wünsche ihm alles Gute. Es geht mir um eine verbreitete Haltung, die sich in seinem Post eben gerade sehr schön zeigt.

Ich finde die Art, wie Medienunternehmen (und bei weitem nicht nur die) mit Berufsanfängern umgehen, höchst problematisch, und unterstütze jeden Protest dagegen. (Ist an anderer Stelle nachzulesen/-sehen.) Es ist nicht nur für Einsteiger, sondern auch für die Medien und damit für die Gesellschaft schlecht, wenn Redaktionen mangels Nachwuchs keine Mischung zwischen alt und jung mehr zustandebringen. Und nicht nur für die Betroffenen katastrophal, dass junge Journalisten von Praktikum zu Praktikum wandern müssen und jahrelang in prekären Nicht-Verträgen feststecken. Dass ein öffentlich-rechtlicher Sender seine Ausbildungs-Akademie einfach aussetzt, ist empörend. Protest dagegen ist legitim und unterstützenswert, Frust höchst verständlich. Trotzdem ist das Post des jungen Kollegen für mich vor allem eines: ärgerlich.

Erstens konzentriert sich der Text nicht auf Kritik, sondern auf ein Gefühl persönlicher Beleidigung. Empört schildert der gescheiterte Bewerber das „härteste Bewerbungsverfahren seines Lebens“, „schwer und anstrengend“, das aus einem Tag zu 10 Stunden bestand, nach dem man „völlig ausgepumpt und fertig“ war. Dabei geht unter, wozu so ein Assessment da ist: Faire Bedingungen zu schaffen für eine Auswahl von vier aus mehreren hundert Bewerbern. Ich verstehe den Frust von freien ORF-Mitarbeitern, die nach Jahren professionellster Arbeit für den ORF daran teilnehmen müssen, wenn sie in die Akademie wollen – doch selbst die haben Verständnis dafür, dass ein faires Auswahlverfahren so einen Tag erfordert. Er kommt jenen zugute, die noch nicht verankert sind. Wie eben einem Studenten im 6. Semester, der den Zeitaufwand allerdings offenbar nicht als Chance, sondern als Zumutung empfand. Der Frust, dass die Akademie dann ganz abgesagt wurde, ist völlig verständlich. Die Wut über den Aufwand nicht. (Nebenbei: Bei dieser geringen Frustrationstoleranz möchte man den Autor fast davor beschützen, jemals einen wochenlang recherchierten und ausgearbeiteten Projektantrag, ein Exposé oder Konzept einzureichen.

Zweitens ist der Text nicht, wie von manchen behauptet, mutig, systemkritisch oder gar –verändernd – sondern im Gegenteil: systemstabilisierend. Das sieht man schön daran, wie blind der Autor auf die Teile-und-Herrsche-Strategie zwischen alt und jung hereinfällt. Konkret schreibt er: Im ORF „ gibt es Kollegen die noch in alten Verträgen stehen, welche im Vergleich zur Marktsituation vollkommen unangebracht sind. Im ORF verdient ein Kameramann mit altem Vertrag doppelt so viel wie in der Branche üblich. (...) Wenn es also heißt „Wir müssen sparen!“, dann bedeutet das nicht, dass das stattliche Einkommen älterer Kollegen gekürzt wird, sondern dass, wie in meinem Fall, die Ausbildung junger Journalisten auf der Strecke bleiben muss. 1800 Euro sind dem ORF für meine Ausbildung zu viel.“ Nicht nur, dass hier jemand ganz selbstverständlich eine bezahlte Ausbildung zusätzlich zum Studium als Anspruch formuliert, dessen Nicht-Erfüllung Empörung rechtfertigt – was „im Vergleich zu Marktsituation“ ganz sicher „vollkommen unangebracht“ ist. Es soll dafür das Gehalt älterer Kameraleute im Einklang mit der „Marktsituation“ halbiert und prekarisiert werden. What a f*cking sense of entitlement. Sorry, aber das ist kein Protest, der meine Unterstützung hat.

Diese Teile-und-Herrsche-Spaltung zwischen alt und jung zieht sich übrigens auch durch die Kommentare einiger junger Kollegen. Sie ist mir unverständlich. Es ist unfair und schlecht für alle, wenn Berufsanfänger keine Chance bekommen und jahrelang in Praktika und Werkverträgen festhängen. Aber ich habe gerade im letzten halben Kündigungen erlebt, die mindestens genauso weh tun: von 40-jährigen mit zwei kleinen Kindern zu Hause. Von sehr fähigen 55-jährigen, die nie etwas anderes waren als Journalist – und das perfekt können. Von Fotografen, die nach 20 Jahren Arbeit für dasselbe Medium auf der Straße stehen. Das ist um nichts schöner – und sowas einzufordern, um selbst eine Chance zu bekommen, zeugt einfach nur von Blindheit. Die Grenze verläuft nicht zwischen alt und jung, sondern zwischen Redaktionen und Eigentümer-Konzernen, die mitten in einer schweren Krise ihre Rendite-Erwartungen eher noch steigern. Wer das ausblendet und jene zum Feind macht, die noch einen angemessenen Vertrag haben, hat meine Solidarität nicht.

Und übrigens: Dieses „früher“, in dem es Anfänger so einfach gehabt haben sollen – wann soll das gewesen sein? In den letzten 10 Jahren jedenfalls nicht. Medien waren prä-Internet ein notwendiges Gebrauchsgut: Ohne sie hatte man keine Nachrichten, keine Kleinanzeigen und kein Kinoprogramm. Keine Filme, keine Serien und keine Fußballergebnisse. Das ist vorbei, seit es Internet gibt, und damit auch die einfachen Zeiten. Und das ist schon etwas länger her.

Drittens: Als letztes im Text kommt die große Geste. Zitat: „Ich bin wütend. Ich bin enttäuscht. Es tut verdammt weh am eigenen Leib zu spüren, wie wenig der Nachwuchs im Journalismus wert ist! Ich will Journalist sein weil ich die Welt besser machen will. Ich will Menschen eine Stimme geben, die keine haben oder zu schwach sind sie zu erheben. Ich will die Mächtigen kontrollieren und aufdecken wenn sie ihre Macht missbrauchen damit sie sich vor den Bürgern verantworten müssen. Ja, ich bin Idealist. Ich bin bereit für meine Werte Opfer zu bringen. Heute habe ich gesehen, wie viel mein Idealismus Wert ist: genau gar nichts!“

Dieser Absatz ist doppelt ärgerlich. Die Missstände liegen auf de Straße, und wer sie aufdecken und „Menschen eine Stimme geben, die keine haben oder zu schwach sind sie zu erheben“ will, kann das so leicht wie nie zuvor. Equipment ist billig, digitales Publizieren fast gratis, es gibt eine Vielfalt von Wegen zu einem Publikum – und es ist seltsamerweise sogar leichter als früher, bei einem Verlag ein gedrucktes Buch zu publizieren. Wer etwas zu sagen hat, kann das völlig ohne traditionelle Medienunternehmen tun. Nur: Um Verbreitung und Finanzierung muss man sich dann eben selbst kümmern. Insofern geht es dem Autor wohl nicht allein darum, Missstände zu publizieren – das könnte er – sondern darum, die (im Fall des ORF öffentlich finanzierte) Plattform geboten zu bekommen, auf der sich andere um Finanzierung und Verbreitung kümmern. (Er korrigierte mich von Plattform auf Chance – ich sehe den Unterschied nicht.) Das ist legitim, und jedem zu wünschen. Aber: Ohne konkrete Geschichte/Recherche vom „System“ (zu dem der ORF natürlich gehört) eine Plattform für Systemkritik einzufordern, und das auch noch gut bezahlt und mit dazu gelieferter Ausbildung, ist geradezu absurd. Im kommerziellen Mainstream muss man sich solche Räume erkämpfen – am besten, indem man zeigt, dass es Publikum dafür gibt. Ein Recht darauf, das beleidigten Rückzug rechtfertigt, gibt es nicht.

Und noch ein Nachtrag: Einige Kommentare bezogen sich auch auf mich persönlich. „In den goldenen Zeiten des Print großgeworden“ und von „gemachten Nester“ war da zb zu lesen. Sorry, Leute – aber ich bin dafür die falsche Adresse. Ich war mit 37 das erste Mal angestellt (2010), meine Bücher waren selbstfinanziert, und im Journalismus begonnen habe ich 2002, in der Magazinkrise, mit der Neugründung eines Menschenrechtsmagazins und Zeilenhonoraren. (Da hatte ich aber schon ein abgeschlossenes Studium, einen Master of Arts, fünf Jahre Ausland, fünf Jahre Berufserfahrung im Feld internationale Politik und eine Journalistenausbildung hinter mir.) Ich fand das genau richtig so, hatte viel Spaß und Befriedigung dabei und würde es nicht anders machen – aber bitte richtet den „ihr hattet es viel besser“-Rant an jemanden anderen.

That said: Ich verstehe den Frust, und in Maßen auch, dass die Reaktion in solchen Momenten nicht sehr reflektiert abläuft. Und ich gönne es jedem von ganzem Herzen, gleich nach dem Studium eine sichere, gut bezahlte Anstellung in seinem Traumberuf zu finden. Es hat nur nicht viel Sinn, zu glauben, es gäbe ein Recht darauf, dass irgendwer anderer dafür sorgt – oder gar die Welt es einem schuldet. Das gilt für uns alle.

Beppe Grillo: Italiens Clown-Pirat

Beppe Grillo hat die politische Landschafts Italiens umgekrempelt. Ich habe ihn im Mai 2012 – nach dem Überraschungs-Erfolg bei den Kommunalwahlen – in seiner Villa in Genua getroffen. ‚, ‚

Genua, 31.5.2012

Man mag den Italienern einen Hang zum Clownesken in der Politik nachsagen: Silvio Berlusconi wurde als Premier zunehmend zur Witzfigur, und das Volk sah es ihm lange nach. Nun, nach dessen unrühmlichem Fall, erlebt das Land einen umgekehrten Weg: Der Komiker Beppe Grillo fuhr mit seiner nur zweieinhalb Jahre alten „Fünf-Sterne-Bewegung“ bei den Kommunalwahlen vorletzte Woche einen Erdrutschsieg ein und gewann in Parma gar den Bürgermeistersessel. Berlusconis Partei? Von 28 auf klägliche 12 Prozent gerutscht. Die Christdemokraten? Dümpeln trotz Bündnispartner unter sechs Prozent. Die Lega Nord? Gedrittelt auf fünf Prozent. Nur die Fünf Sterne verdoppelten sich.

Frontmann Grillo stand nicht zur Wahl – doch seine populistischen Auftritte, in denen er von Politikern bis EU alles durch den Kakao zieht, das Macht hat, ziehen Zehntausende an. Grillo steht für Protest, seine Bewegung für selbst gestrickte Alternativen, geboren aus dem Internet, gerichtet gegen die da oben und das System.

Der Revoluzzer als Millionär.

Grillo empfängt in einer Villa im Nobelviertel Nervia auf den Hügeln Genuas. Eine Hausdame in weißer Uniform führt durch den Salon mit italienischen Stilmöbeln. Von der Terrasse aus sieht man nur strahlendes Blau: direkter Meerblick. Grillo trägt ein akkurat gebügeltes rosa Hemd. Sieht so ein Revoluzzer aus, der die Herzen der krisengebeutelten Italiener erobert?

„Ich bin ja nicht für Armut für alle – sondern für ein gutes Leben für alle“, lacht Grillo. Noch vor zehn Jahren wurde bekannt, dass er ein Jahreseinkommen von 4,5 Millionen versteuerte. Nun wettert er gegen die Reichen – kein Widerspruch, wie er meint: „Unsere Wirtschaft funktioniert nicht mehr, und die Politik hat keinerlei Rezepte außer Hokuspokus und Schuldenexorzismen: Das ist für alle offensichtlich. Es ist Zeit für etwas Neues. In der Bewegung entwickeln das die Menschen selbst, und dann wählen sie sich selbst.“

Dieser Mitmach-Ansatz ist wohl ein Faktor für den Erfolg der Fünf-Sterne-Bewegung. Entstanden ist sie aus dem Blog Beppe Grillos. Berühmt geworden als scharfer Satiriker im Fernsehen, wurde er schon in den frühen 1990er-Jahren von den Bildschirmen verbannt. Den Ausschlag gab ein Satz zum Chinabesuch des damaligen Premiers Bettino Craxi. „Wenn das Sozialisten sind – wen bestehlen die dann?“, fragte Grillo Richtung China – und meinte die eigenen Sozialisten.

Grillo musste auf die Bühne wechseln. Erst der Blog schuf ihm wieder eine Massenplattform – und er wusste sie zu nützen: www.beppegrillo.it ist die drittgrößte Informationsquelle der Italiener – nach „Corriere“ und „Repubblica“. Er wurde vom „Time Magazine“ zu einem der 50 einflussreichsten Blogs der Welt gewählt. Und er bot Grillo das Umfeld, das er brauchte, um seine Kritik am politischen System zu einer Bewegung zu machen.

Erst finanzierten die Leser Inserate. In der „Zeit“ inserierte Grillo 2008: „Italien appelliert an die deutschen Brüder: Erklärt uns den Krieg! Wir ergeben uns gern. Ihr seid unsere letzte Hoffnung. Wir bezahlen euch gut. Ihr bekommt auch keine Staatsanleihen, das schwöre ich.“ Dann kamen die ersten realen Treffen: Der V-Day – kurz für Vaffanculo-Day oder Leck-mich-am-Arsch-Tag – brachte Hunderttausende wütende junge Italiener auf die Straße. Es war eine Frage der Zeit, bis sich der Protest politisch formierte. Der „Movimento Cinque Stelle“ war geboren.

Sieg gegen die Gerontokratie.

„Die anderen kapieren nicht, wie eine Bewegung ohne Führung, ohne Geld und ohne Struktur funktioniert“, sagt Grillo (s. Interview nächste Seite). „Dabei ist es ganz einfach: Wir nehmen die Dinge selbst in die Hand und diskutieren sie – auf Versammlungen und im Netz.“ So entstanden Hunderte Gruppen, die sich Gedanken über Kommunalpolitik machen und Kandidaten wählten. Der neue Bürgermeister von Parma, Federico Pizzarotti, ist mit 39 Jahren einer der älteren. Im Land mit den ältesten Abgeordneten Europas eine Ansage.

Und was die neue Bewegung an Politik vorschlägt, hat zumindest auf der kommunalen Ebene mit Protest nicht mehr viel zu tun: Müllentsorgung, Energie, Passivhäuser, Schulen, entwickelt aus Befragungen.

Doch reicht das, um auch bei Parlamentswahlen zu punkten?

„Derzeit könnten wir noch nicht antreten. Aber wenn wir bis Frühjahr 2013 Zeit haben, werden wir mit 50 jungen, motivierten Leuten ins Parlament einziehen. Sie werden keine Nebenjobs haben, nur zwei Perioden bleiben und transparent arbeiten. Das Programm entwickeln wir gerade – natürlich im Internet“, sagt Grillo.

Er selbst wird nicht kandidieren – das widerspräche seinem Grundsatz, dass keine Verurteilten politische Ämter innehaben sollen (Grillo wurde wegen eines Autounfalls verurteilt). Außerdem behält er lieber die angestammte Rolle: die des lästernden Volkstribuns, der mit dem Campingbus durch Italien fährt und Reden hält. „Macht und Arbeit ist den Leuten viel zu wichtig. Ich treffe lieber Menschen“, sagt er.

Grillo verabschiedet sich – er geht ans Meer, eine Stunden schwimmen im Neoprenanzug, wie möglichst jeden Tag. Das Training braucht er für den Wahlkampf: Denn der hat erst begonnen.

 

 

»Die Leute sind doch nicht blöd«

Beppe Grillo über den überraschenden Wahlsieg seiner Bewegung, seine Rezepte für eine bessere Welt – und die Frage, warum er nicht selbst kandidiert.

NEWS: Herr Grillo, Ihre Fünf-Sterne-Bewegung hat bei den Kommunalwahlen einen politischen Erdrutsch ausgelöst. Überrascht?

Beppe Grillo: Irre, oder? Die Bewegung ist nur zweieinhalb Jahre alt, und wir sind auf dem Weg zur Nummer eins in Italien. Die anderen kapieren nicht, wie das geht: Eine führungslose Bewegung, aus dem Netz entstanden. Ich bekomme oft Anrufe von Leuten, die mit dem Generalsekretär sprechen wollen. Aber so was gibt es bei uns nicht.

NEWS: Sie finden sich auf jeder Titelseite – die Reaktionen sind nicht gerade freundlich. Sind Sie nun mehr Komiker oder Politiker?

Grillo: Ich bin ich. „Clown“, „Populist“, „Antipolitiker“ … man hat mich schon vieles genannt. Aber ich selbst habe mich schon vor 20 Jahren intensiv mit erneuerbaren Energien, dem Transportwahnsinn, der Wirtschaft beschäftigt. Das sind jetzt Themen, die unter den Nägeln brennen.

NEWS: Wie ist die Bewegung entstanden?

Grillo: Es begann mit meinem Blog. Ich wollte ursprünglich eine Internetseite, habe dann aber gemerkt, dass mir viel mehr am Austausch liegt. Jetzt ist der Blog die drittgrößte Informationsquelle Italiens, auf Facebook liege ich hinter Obama. Ich bekomme täglich 1.500 bis 2.000 Kommentare. Daraus wurden Treffen, Demonstrationen – und die Fünf-Sterne-Bewegung. Hierarchielos, mit der Intelligenz von Tausenden. Bei uns hat jeder gleich viel Gewicht. Das ist Hyperdemokratie.

NEWS: Und wie kommt man damit auf über zehn Prozent landesweit?

Grillo: Ohne Geld jedenfalls – kein Wahlkampf hat mehr als tausend Euro gekostet, schätze ich. Der Grund dafür, dass Leute Alternativen suchen, ist die katastrophale Wirtschaftslage. 600.000 Unternehmen pro Jahr sperren zu, Jobs verschwinden, wir haben die höchsten Lohnkosten und die niedrigsten Gehälter Europas. Monti versucht sich als Exorzist, aber die Schulden steigen ständig. Jeder ist bereit, Opfer zu bringen – aber nur, wenn es alle machen. Nehmen Sie den Altpolitiker Amato: Der bekommt 30.000 Euro Pension. Und da nimmt man einem Mindestrentner sein Geld weg? Die sind doch völlig verrückt. In anderen Ländern gewinnen deshalb Extremisten. Bei uns nicht – da gibt es uns. Wir haben beschlossen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Es gibt ja heute keinen klaren Feind mehr – deine Firma etwa wird von einem amerikanischen Pensionsfonds geschlossen, die Politik von der EZB gemacht. Was tut man da? Die Politik ist kein Ansprechpartner. Also entwickelt man selbst eine Alternative.

NEWS: Aber man wirft gerade Ihnen vor, keine Wirtschaftsrezepte zu haben.

Grillo: Ich mache doch nicht das Programm. Das entsteht in einem Wiki im Netz. Mehrere Nobelpreisträger haben uns ihre Expertise gegeben. Bis zu den nationalen Wahlen haben wir das beste Programm – weil es von den Bürgern kommt.

NEWS: Sie wollen aus dem Euro aussteigen?

Grillo: Nein – ich will, dass wir ernsthaft darüber diskutieren. Derzeit geht es den Nicht-Euro-Staaten besser. Wir müssen darüber reden, alle: Was haben wir davon?

NEWS: Überschätzen Sie die Bürger nicht?

Grillo: Die Leute sind doch nicht blöd. Sie müssen natürlich informiert sein. Dafür sorgen Internet und Versammlungen. In Treviso hat einer unserer jungen Leute das gesamte Verkehrskonzept mit den Bürgern entwickelt: Jeder konnte seine Bedürfnisse formulieren. Das ist das Neue: Die Bürger wählen sich selbst und machen den Job in Abstimmung mit den anderen. Ohne Nebenbeschäftigung, mit wenig Geld, höchstens zwei Legislaturperioden lang. Die Leute sollen kein Gesicht mehr wählen, sondern eine Idee.

NEWS: Das Gesicht sind doch Sie.

Grillo: Klar, ich stelle mich zur Verfügung. Aber ich stehe nicht zur Wahl.

NEWS: Warum kandidieren Sie nicht?

Grillo: Das geht gar nicht. Wir sind strikt dagegen, dass verurteilte Personen Ämter bekommen, und ich wurde verurteilt (Anm.: wegen eines Autounfalls). Außerdem habe ich eine andere Rolle. Mit einem Campingbus durch Italien zu fahren und diesen Aufbruch, diese Begeisterung zu erleben – das ist ein Geschenk.

An die Verteidiger der Hinichen: Was wäre, wenn da statt „Fotzen“ „Neger“ stünde?

„Oft ist die Oide deppert, sie spült emanzipiert, dann ist es meist das Beste, wann man ihr eine schmiert. Und kriegt sie ihre Floschn, ins Frauenhaus sie rennt, i sag seids ja net deppert, die Hütten wird niederbrennt.“

So weit ein paar Zeilen aus einem Lied der Hinichen, die heute im Gasometer ihre Hinichen Weihnachten feiern wollten. Nach einem Anruf eines Gemeinderats – mit dem Hinweis, dass der Auftritt den Vereinbarungen zur Subvention widerspreche – sagte der Veranstalter Planet Music das Konzert ab. Und seither geschieht Erstaunliches.

Es ist erst einen Tag her, dass ein (völlig berechtigter) Empörungssturm gegen „heute“ losbrach, weil das Blatt rassistische Sätze gedruckt hatte. Nun aber richtet sich die Empörung nicht gegen den Gasometer oder den Betreiber „Planet Music“ – sondern gegen die Absage. Die FPÖ fährt ihren üblichen Spin und sieht sich – bzw diesmal die Hinichen – als Opfer faschistischer Verfolger. Die IG Autoren landet mit den Vergleichen gar gleich bei einer „Zensur wie bei Metternich.“ Robert Misik hat bei der Absage Bauchweh. Das wirft zwei Fragen auf.

1. Was wäre, wenn hier statt „Fotzen“ stünde: „Neger“?

Was ist anders als bei der Empörung über Rassismus gestern? Leider ist die Antwort einfach: Während sich gegen Rassismus und Antisemitismus mittlerweile eine gesunde Abwehrreaktion etabliert hat, ist Sexismus – und damit Gewalt gegen Frauen – nach wie vor salonfähig. Gerhard Ruiss von den IG Autoren kann sich erlauben, von „Sittlichkeitsempfinden“ zu sprechen, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht – als wäre das eine Geschmacksfrage.

Die Probe aufs Exempel: Man nehme etwa den Text „Wir mischen auf im Frauenhaus“, der nun so vehement unter dem Schlagwort „Freiheit der Kunst“ verteidigt wird, und ersetze „Fotzen“ durch „Neger“. Oder „Juden“. Würde man das Auftrittsrecht auf einer öffentlich finanzierten Bühne auch verteidigen, wenn statt „die Fotzen gehören verdroschen“ hier „die Juden gehören verdroschen“ gegrölt würde? Oder „Oft spielt der Neger deppert, er spielt emanzipiert, dann ist es meist das Beste, wenn man ihm eine schmiert“?

Ich glaube kaum. Und ich frage mich, wo der Unterschied ist. Es kann jedenfalls nicht daran liegen, dass Gewalt gegen Frauen ein Randphänomen ist: Jede fünfte Frau ist von Gewalt betroffen. Die Frauenhäuser, die die Hinichen in ihren Texten stürmen und niederbrennen wollen, sind überfüllt. Auch das „das ist doch ironische gemeint!“-Argument zieht nicht. Es gibt keinen ironischen Bruch, weder im Text, noch in der Darbietung, noch in der Inszenierung der Konzerte. Und es genügt eben nicht, Hetze Nachhinein als „Kunst“ oder „Ironie“ zu deklarieren, um damit weitermachen zu können. Der Text ist am Ende dieses Posts zitiert – wer Ironie darin entdecken will, sei auf die Korrespondenz von Elfriede Hammerl mit den Hinichen im profil 2008 verwiesen. Oder auf diesen Text von Dagmar Andree, Vorsitzende des Linzer Frauenhauses, das die Hinichen (erfolglos) angezeigt hat.

Auch die Vergleiche mit Rammstein, Drahdiwaberl usw gehen ins Leere: Ja, Sexismus ist überall. Aber explizite Aufrufe, Frauen zu schlagen und danach das Frauenhaus, in das sie flüchten, anzuzünden? Das ist nicht mehr nur Provokation, und schon gar nicht gehört das auf eine öffentlich subventionierte Bühne.

2. Seit wann ist es Zensur, keine Subvention zu bekommen?

Die Empörung, die man für Aufrufe zu Gewalt an Frauen nicht aufbringt, sammelt sich nun unter dem Schlagwort „Zensur“. Nun wäre es richtig, was Robert Misik dazu schreibt: Politische Interventionen in den laufenden Betrieb eines Veranstalters sind strikt abzulehnen. Nur gibt es in diesem Fall eine Vorgeschichte. Schon 2008 musste Planet Music nach Protesten aus der Zivilgesellschaft ein Konzert der Hinichen absagen. Stadträtin Sandra Frauenberger begrüße die Absage persönlich und öffentlich. Und danach – so wurde es von der Stadt kommuniziert – bekam Planet Music die Auflage, keine rassistischen oder sexistischen Acts mehr zu programmieren. Das war die Bedingung für weitere Subventionen.

Planet Music hat diese Vereinbarung schon letztes Jahr gebrochen. Zum Telefon zu greifen und den Veranstalter darauf hinzuweisen, dass er das gerade wieder macht, mag einem Politiker einer Regierungspartei nicht zustehen. Zensur ist es nicht. Die Hinichen dürfen am freien Markt auftreten, wo immer man sie haben will. Auch Planet Music hätte das Konzert im Gasometer nicht absagen müssen. Doch so viel war dem Veranstalter das Konzert wohl doch nicht wert: Er hat lieber zurückgezogen – um nachher „Zensur!“ zu rufen.

Und das ist der eine Punkt, in dem ich Robert Misik zustimme: Es wäre vielleicht besser gewesen, die Hinichen auftreten zu lassen – um die Subventionen an Planet Music danach ganz zu streichen. Aufrufe zu Gewalt an Frauen haben auf öffentlich subventionierten Bühnen nichts verloren. Und wer trotz Absagen und Auflagen immer wieder versucht, sexistischer Gewalt eine Bühne zu bieten, sollte nicht immer wieder aus Steuergeld finanziert werden.

 

3. Nachtrag: Warum sind solche Texte überhaupt erlaubt?

In den vielen mail-Antworten auf diesen Blogpost (danke!) wiederholt sich eine Frage: Warum sind solche Texte überhaupt erlaubt? Das Linzer Frauenhaus hat bereits vor 10 Jahren Anzeige erhoben – und zwar wegen Aurfuf zu einer mit Strafe bedrohten Handlung und Wiederbetätigung. Hier findet sich im Standard noch ein Artikel dazu. (Interessante Argumentation der Hinichen darin: Der Text handle ja nicht von misshandelten Frauen, sondern von jenen, die Frauenhäuser als Druckmittel gegen ihre Männer missbrauchen. Eine erstaunliche Interpretation eines Liedes, in dem Aufrufe zum Schlagen, Ohrfeigen, Auspeitschen, den Hintern Versohlen sowie zum Anzünden von Frauenhäusern enthalten sind.) Der Staatsanwalt legte die Anzeige damals zurück.

Seit 1.1.2012 gibt es allerdings ein passenderes Gesetz: Nämlich das gegen Verhetzung, §283. Hier der Text:

(1) Wer öffentlich auf eine Weise, die geeignet ist, die öffentliche Ordnung zu gefährden, oder wer für eine breite Öffentlichkeit wahrnehmbar zu Gewalt gegen eine Kirche oder Religionsgesellschaft oder eine andere nach den Kriterien der Rasse, der Hautfarbe, der Sprache, der Religion oder Weltanschauung, der Staatsangehörigkeit, der Abstammung oder nationalen oder ethnischen Herkunft, des Geschlechts, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung definierte Gruppe von Personen oder gegen ein Mitglied einer solchen Gruppe ausdrücklich wegen dessen Zugehörigkeit zu dieser Gruppe auffordert oder aufreizt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren zu bestrafen.

(2) Ebenso ist zu bestrafen, wer für eine breite Öffentlichkeit wahrnehmbar gegen eine in Abs. 1 bezeichnete Gruppe hetzt oder sie in einer die Menschenwürde verletzenden Weise beschimpft und dadurch verächtlich zu machen sucht.

Es wäre also zu beurteilen, ob die Texte der Hinichen Frauen in einer die Menschenwürde verletzenden Weise beschimpfen oder gar zu Gewalt aufrufen. Es möge jeder selbst beurteilen, wie er dazu steht – ein Text steht am Ende des Blogposts. Das Linzer Frauenhaus prüft nun erneut, ob es nach diesem Paragraphen eine Anzeige einbringt.

Wie so ein Verfahren ausgehen würde, hängt in erster Linie vom Staatsanwalt und vom Richter ab. Wenn es um Frauenrechte geht, ist die Justiz gelinde gesagt vorsichtig – wieder bestätigt durch das jüngste Urteil in Graz, dass das Begrapschen von Hinern keine sexuelle Belästigung darstelle. Es kann sehr gut sein, dass auch diese Anzeige zurückgelegt wird; auch wenn man sich dann fragen muss, wozu der Verhetzungsparagraph gut ist.

Allerdings: Nicht alles, was erlaubt ist, muss auch auf subventionierten Bühnen stattfinden. Kulturförderungen sind rar und sind schwer zu bekommen, und natürlich müssen sie nach bestimmten Kriterien vergeben werden. Wer sie vergibt, soll bitte etwas höhere Maßstäbe anlegen als das gerade noch erlaubte. Von mir aus sollen die Hinichen auftreten, wie sie es bisher auch getan haben. Aber wer sie – wie das der Gasometer geplant hat – auf die Bühne bringt, hat keine öffentliche Unterstützung verdient.

(Reaktionen bitte über das Kontaktfeld – Kommentare funktionieren nicht.)

Und hier noch der Text. Achtung, nicht auf nüchternen Magen lesen.

Die Hinichen: Wir mischen auf im Frauenhaus

Lernst du a Maderl kennen,
du fickst es, des ist klass,
doch host es amoil gheirat,
dann denkst da: „so a Schas“,
und kriegt sie erst an Affn,
dann ist sie zum vergessen,
sie wird dann blad und a frigid,
und du bist fest angfressn.

Und gibt´s amoi an Wickel,
in\’s Frauenhaus sie türmt,
doch wir san a ned deppert,
die Hüttn, die wird gstürmt.

Wir mischen auf im Frauenhaus,
yippie, yippie, yeah,
wir peitschen die Emanzen aus,
yippie, yippie, yeah,
wir treiben die Lesben vor uns her,
yippie, yippie, yeah,
das fällt uns Kerl´s gar net schwer,
yippie, yippie, yeah.

Die Fotzen ja die ghörn verdroschen,
yippie, yippie, yeah,
zuerst auf\’s Aug\‘ und dann in´d Goschn,
yippie, yippie, yeah,
i sog\‘: „ihr hobts es ja so wolln“,
yippie, yippie, yeah,
drum müss ma euch den Arsch versohln,
yippie, yippie, yeah.

I und meine Hawara, haum dabei a murds trara!

Oft ist die Oide deppert,
sie spült emanzipiert,
dann ist es meist des Beste,
wann man ihr eine schmiert,
man muß den Weibern zeigen,
daß man der Herr im Haus,
sonst scheissns dir am Schädel,
und ekeln dich hinaus.

Und kriegt sie ihre Floschn,
in\’s Frauenhaus sie rennt,
i sag´ seids ja net deppert,
die Hüttn wird niederbrennt.

Doch auch bei blöde Emanzen,
obsiegt manchmal das Hirn,
die san am Gschmack jetzt kumman,
die Muschis die tan glühn.

Elinor Ostrom: Ausweitung der Forschungszone

Zum Tod von Elinor Ostrom: Kommentar von 2009 zu ihrem Wirtschafts-Nobelpreis.

„Format“ Nr. 42/09 vom 16.10.2009 Seite: 26
Ressort: Meinung

„Oh, eine Frau“, ist die häufigste Reaktion. „Ich habe bis heute früh noch nie von ihr gehört“, kommentiert die „Business Week“ den Wirtschaftsnobelpreis für die US-Politologin Elinor Ostrom. Die „Financial Times Deutschland“ verlinkt auf die feministische Zeitschrift „Emma“, statt selbst ein Porträt der 77-jährigen Preisträgerin zu schreiben. „Ich bin mit ihrer Forschung nicht vertraut“, bekennt der letztjährige Preisträger Paul Krugman freimütig in seiner Gratulation in der „New York Times“. Dabei hätte ihm die Beschäftigung damit vielleicht eine Antwort auf die Frage seines jüngsten großen Essays gegeben, der fragt: „Wie konnten die Ökonomen so falsch liegen?“

Denn die Auszeichnung Elinor Ostroms ist ein Signal, das weit über die Tatsache ihres Frau-Seins hinausgeht: Sie schlägt eine Bresche in die ermüdende Dichotomie zwischen „Staat“ und „freiem Markt“, in der Politik und Ökonomie nicht erst seit der Krise gefangen sind. Die einen behaupten, der Mensch sei von Natur aus gierig und egoistisch – und wenn das jeder auf einem freien Markt ausleben könne, dann sei das Gemeinwohl gesichert. Die anderen plädieren für staatliche Regeln, Interventionen und Investitionen „von oben“, geplant in großen Modellen. Doch die Krise hat gezeigt: Erst hat die ungebremste Ideologie vom freien Markt die Finanzmärkte in eine Katastrophe geführt. Dann hat der Glaube an den Vater Staat die Gemeinwesen für mehrere Generationen mit Schuldenbergen beladen, ohne auch nur die grundsätzlichen Regeln zu ändern. Nun tobt der Krieg unter den beiden Ökonomen-Lagern „Markt“ und „Staat“ ungehindert weiter: Sie machen sich gegenseitig für die Krise verantwortlich und beschädigen so die Glaubwürdigkeit der gesamten Disziplin.

Doch zwischen den Lagern gibt es, bisher unbeachtet vom Mainstream, andere ökonomische Ansätze. Auf die hat das Komitee in Oslo nun genau im richtigen Moment einen Scheinwerfer gerichtet.

Elinor Ostrom beschäftigt sich mit Commons – zu deutsch Allmenden oder Gemeingütern. Der neoklassische Ansatz dazu ist in der hartnäckigen Legende von der „Tragedy of the Commons“ zusammengefasst – der „Tragödie der Allmende“: Da Menschen egoistisch und gierig seien, würden sie allgemein verfügbare Güter wie Luft, Wasser, Weidegründe erbarmungslos ausbeuten. Die Antwort der Neoklassiker ist Privatisierung. Die Staatsanhänger rufen hingegen nach Gesetzen und Sanktionen, um Allgemeingut zu schützen. Doch Elinor Ostrom hat in unzähligen Feldstudien herausgefunden: Auf der ganzen Welt schaffen es Menschen auch ohne Markt und ohne Staat, mit Gemeingütern so umzugehen, dass sie nicht schonungslos ausgebeutet werden – von Fischern, die sich die Hummergründe aufteilen, über Weidebauern in der Mongolei bis zu kalifornischen Bürgerbewegungen für sauberes Trinkwasser.

Elinor Ostrom zieht drei wichtige Schlüsse:

Der Mensch ist nicht nur von ökonomischer Rationalität getrieben, sondern vor allem ein soziales Wesen.

In vielen Fällen ist Kooperation das bessere Modell als Konkurrenz.

Es gibt keine großen Lösungen – sondern unzählige lokale, die nicht unbedingt auf globaler Ebene funktionieren.

Ostrom hat diese Schlüsse nicht erst gestern gezogen, ihr Hauptwerk „Governing the Commons“ wurde 1990 veröffentlicht. Doch bisher wurde dieser Zweig der Ökonomie von den globalen Politikmachern kaum wahr- und schon gar nicht ernst genommen. Das sollte sich nun ändern. Das erste Versuchsfeld dafür könnte die Klimapolitik sein: Die globalen Versuche, den Klimawandel aufzuhalten, sind bisher auf der einen Seite neoklassisch (die Idee, „Verschmutzungsrechte“ käuflich zu machen und einen Markt dafür zu schaffen), auf der anderen streng etatistisch und keynesianisch (Förderungen und globale Verbote). Beides hat bisher nicht funktioniert. Ostroms Ansätze könnten rechtzeitig vor dem Klimagipfel in Kopenhagen zeigen, dass es weder ein Markt noch einheitliche globale Regeln sein werden, die das Klima retten – und dass es dennoch Lösungen gibt.

Der Nobelpreis für Ostrom ist ein Zeichen einer Zeitenwende: Er ist ein Signal für eine neue Politik, die in ihrem dritten Weg Ansätze für eine Global Governance finden kann, die sich jenseits von freiem Markt oder Weltregierungsfantasien abspielt. Er hat aber auch das Potenzial, Staub in den verkrusteten Strukturen der Ökonomie aufzuwirbeln: Ostrom betreibt Feldstudien, beobachtet echte Menschen in ihren sozialen Systemen – was ihre Kolleginnen und Kollegen daran erinnern könnte, dass die schönste ökonomische Formel nichts nützt, wenn sich die Menschen da draußen nicht an das Modell halten.

Erst danach ist es natürlich auch erfreulich, dass nun erstmals eine Frau den Wirtschaftsnobelpreis gewonnen hat – eine Frau, die in ihrer Jugend mit einem Sprachfehler kämpfte, dann ihr Studium zugunsten ihres studierenden ersten Mannes aufgeben musste und sich mühsam durch die Institutionen kämpfte. Ostrom selbst ist deshalb wohl am erstauntesten über die Auszeichnung. Ihr Preisgeld will sie Studenten spenden.

Spanien: Die Blase platzt (Format, 2007)

Aus aktuellem Anlass nach oben geschupft – Reportage aus Spanien November 2007: Erstmals sinken in Spanien die Wohnungspreise, die größte Immobilienblase Europas droht zu platzen. Wenn die Kreditpyramide einstürzt, ist selbst der Euro in Gefahr.‘, ‚

Spanien: Die Blase platzt (2007)

Aus aktuellem Anlass nach oben geschupft: Reportage von der spanischen Immobilienkrise mit dem Fazit, der Euro sei in Gefahr. Recherhiert im Sommer 2007.

„Format“ Nr. 44/07 vom 02.11.2007
Ressort: Business

Erstmals sinken in Spanien die Wohnungspreise, die größte Immobilienblase Europas droht zu platzen. Wenn die Kreditpyramide einstürzt, ist selbst der Euro in Gefahr.

Es gibt kein Problem“, sagt Guido, spanischer Immobilienmakler, und versucht einen überzeugten Blick. Guido steht vor dem megalomanen Modell neuer Feriensiedlungen von Polaris World weit im Hinterland von Murcia. An die 20.000 Miniatur-Ferienimmobilien reihen sich um neun Golfplätze aus Filz. Etwa ein Zehntel davon ist schon gebaut, 11.000 ab Plan verkauft – und nun stockt das Geschäft. „Wenn Sie jetzt kaufen, schenken wir Ihnen eine Wohnungseinrichtung um 6.000 Euro“, lockt Guido. „Sie brauchen nur Ihre Kredit-karte, mit 3.000 Euro Einstiegszahlung gehört die Wohnung Ihnen“, bettelt er. „Der Preis wird mit Baubeginn so stark steigen, dass Sie in zwei Jahren auf einen Schlag mindestens 30.000 Euro verdienen können“, verspricht Guido, und blickt nun doch verzweifelt.

Denn die Zeiten, in denen spanische Immobilien Geldmaschinen waren, sind vorbei. Nach sagenhaften Preissteigerungen von 20 Prozent pro Jahr seit 2002 weicht nun die heiße Luft in rasantem Tempo aus der Immobilienblase. 800.000 Wohnungen werden derzeit in Spanien pro Jahr gebaut, die meisten davon Ferienwohnungen. Weitere 1,4 Millionen sind allein an den Küsten bereits genehmigt oder in Bau, ganze fünf Millionen sollen in den nächsten fünf Jahren dazukommen. Der Boom hinterlässt ein Meer von schlecht gebauten Häuschen, die jeden Kilometer Küste besetzen und weit ins Hinterland wachsen – und den Großteil des Jahres leer stehen. Die Preise sind in astronomische Höhen gestiegen: Für winzige Zwei-Zimmer-Appartements zahlt man realitätsferne 350.000 Euro.

Doch im September sind erstmals die Preise gefallen, und nun stehen Hunderttausende Investoren aus ganz Europa mit Wohnungen da, die nur gebaut wurden, um sie wieder zu verkaufen – und kämpfen mit steigenden Kreditzinsen und immer öfter mit Zahlungsunfähigkeit.

Können Regierung und Immobilienfirmen das Fallen der Preise nicht bremsen, droht die platzende Blase die gesamte spanische Wirtschaft mitzuziehen: 30 Prozent der Wirtschaftsleistung hängen vom Bausektor ab, der dem Land in den letzten Jahren das stärks-te Wirtschaftswachstum Westeuropas verschaffte. Die spanischen Bau- und Immobilienfirmen stiegen während des Booms zu den größten der Welt auf und kauften sich weltweit in Baufirmen, Ölkonzerne und Banken ein. Doch bereits die ersten Anzeichen für das Ende des Booms haben Opfer gefordert: Im April sackten die Börsenkurse der spanischen Baufirmen auf weniger als die Hälfte ab, institutionelle Investoren wie Pensionsfonds zogen sich zurück. Im Sommer sind bereits zwei Baufirmen auf spektakuläre Weise in Konkurs gegangen. Die Branchenriesen ziehen sich in neue Boom-märkte wie Marokko und Bulgarien zurück.

Am nervösesten sind aber die Banken. Zwar blieben die spanischen Geldinstitute von der US-amerikanischen Kreditkrise weitgehend verschont – das aber nur, weil sie ihr gesamtes Geld in die landeseigene Immobilienblase gesteckt und dafür auf den internationalen Finanzmärkten gehörig Geld aufgenommen haben. Mehr als 900 Milliarden Euro – 60 Prozent des gesamten Kreditvolumens – wurden an Wohnungskäufer, Baufirmen und Immobilienbüros verliehen. Die Wohnungen sind nach Jahren der Preissteigerung um 20 Prozent pro anno extrem überbewertet, die steigenden Zinsen machen es derzeit schon einer halben Million Familien in Spanien fast unmöglich, ihre Kredite zu zahlen.

Besonders betroffen sind junge Leute und Einwanderer, um die bis zum Sommer mit absurden Lockangeboten ge-worben wurde: Hypothekarkredite auf 40 Jahre ohne Einstiegszahlung und mit drei zahlungsfreien Jahren wurden die Regel.

Genau diese Bevölkerungsschicht ist aber vom Ende des Baubooms am meisten betroffen. Jedes nicht gebaute Haus kostet zwei Jobs, rechnet die Bauwirtschaftsvertretung vor. Werden nun nächstes Jahr statt 800.000 nur „nachhaltige“ 500.000 Wohnungen gebaut, bedeutet das 600.000 Arbeitslose mehr auf einen Schlag.

Schlimmer noch: Der Bau-boom baut auf einer Kreditpyramide auf, die mit fallenden Preisen schnell zum Einsturz kommen kann. „Der typische Käufer eines Ferienhauses an der Küste kaufte in den letzten Jahren – oft über Internet – mit einer minimalen Ersteinzahlung von 5.000 bis 10.000 Euro eine Wohnung um etwa 200.000 Euro, um sie bei Fertigstellung um 30.000 teurer zu verkaufen, meist an weitere Wiederverkäufer: Ein bisher risikoloser Gewinn von 50.000 Euro pro Wohnung in kürzester Zeit“, erklärt Miguel Angel Torres, der an der Costa del Sol für Raumplanung zuständig ist. „Jetzt ist das Ende der Kette erreicht, und die letzten Investoren – oft Engländer oder Deutsche, die ihre Wohnung zuhause belastet haben – finden weder Käufer, noch können sie die Kredite bedienen.“ Stürzt die Pyramide ein, könnte das die Stabilität des Euro gefährden, warnte der IWF vor einem Jahr. Nun ist es bald so weit.

Die Angst vor dem Crash macht es jenen wieder leichter, die Schwarzgeld investieren wollen. Vor einem Jahr hatte die spanische Regierung zwar angekündigt, die Geldwäsche und Korruption im Baugewerbe zu bekämpfen – was zur spektakulären Festnahme von über hundert Lokalpolitikern und Bauunternehmern in der „Operation Malaya“ in Marbella führte. Doch aus Angst vor dem Ende des Booms – und damit Wahlverlusten – wird jetzt weniger genau hingesehen: Der Richter im Marbella-Fall wurde ausgetauscht, nur noch drei Angeklagte sind in Haft, und die Ankündigungen der Regierung, den ständigen Strom von Schwarzgeld etwa von deutschen Freiberuflern zu stoppen, scheinen vergessen.

Ebenso die Bemühungen, illegale Bauten zu stoppen: Nach wie vor ist es an den Küsten Usus, erst zu bauen und dann die Genehmigung zu bekommen – mehr als die Hälfte der neueren Immobilien in Andalusien entstanden auf diese Weise. Hauptsache, es wird weiter umgewidmet und ge-baut, scheint das Motto zu sein.

Auf diesem wackligen Untergrund brummt die spanische Bauwirtschaft leiser, aber doch weiter. Die spanische Zentralbank ist jedoch wachsam. Sie zwingt derzeit alle Banken dazu, die Qualität ihrer Hypothekarkredite zu überprüfen – allerdings diskret: Man will nicht den Eindruck erwecken, dass es ein Problem geben könnte. Denn wer sollte sonst auch die Millionen Wohnungen kaufen, auf denen derzeit steht: „For Sale – Urgent“?