USA: Mit Vollgas gegen die Wand
US-Schuldenkrise.
Die USA verlieren in wahltaktischen Spielchen ihre Glaubwürdigkeit als
Weltwirtschaftsmacht. Erschienen in News 30/11
Freitagnachmittag, der heißeste Tag des Jahres in New York City.
Draußen auf der Wall Street versinken Stöckelschuhe im weichen Asphalt,
drinnen an der Bar des Cipriani’s, After-Work-Treffpunkt der Finanzhaie,
frösteln die Banker in ihren Maßanzügen - und das liegt nicht nur an
der rabiaten Klimaanlage. Der große Flachbildschirm an der griechisch
dekorierten Wand zeigt einen Countdown: 10 Tage, 6 Stunden, 24 Minuten
bis zum Bankrott der USA, der größten Volkswirtschaft der Welt. Denn bis
2. August müssen sich der demokratische Präsident Barack Obama und die
republikanische Mehrheit im Kongress geeinigt haben, die gesetzlich
festgelegte Schuldengrenze von 14,3 Billionen Dollar anzuheben - oder
die USA können ihre Rechnungen nicht mehr zahlen.
"Bis heute
haben wir noch Witze darüber gemacht, dass wir bald Griechenland sein
werden“, sagt Jonathan Liu, Investement-Banker bei einem
Wall-Street-Platzhirschen. "Aber jetzt wird es ernst.“ Soeben sind
Barack Obama und John Boehner, republikanischer Sprecher des
Repräsentantenhauses, ohne Ergebnis auseinandergegangen und haben der
Wall Street einen Wochenend-Schock verpasst. "Wenn sie sich bis Montag
nicht einigen, ist das ein fatales Signal“, seufzt Harry Martinez, 29
und Millionär. Er ist bei einem großen Hedgefonds für Staatsanleihen
zuständig. "Das heißt Büro statt Strand am Wochenende.“
Fall DSK Teil 2: Kulturbruch im Macho-Land
Corinna Milborn
über die neue Anzeige wegen versuchter Vergewaltigung gegen Dominique
Strauss-Kahn - und die Folgen für die französische Männergesellschaft. Kommentar erschienen in News 27/11, 7.7.2011
Mit dem Zusammenbruch der Anklage gegen Dominique Strauss-Kahn und
seinem triumphalen Auszug aus dem Hausarrest brach am Wochenende in
Frankreich ein patriotischer Jubel aus, der in seinem Anti-USA-Geheul an
Zeiten des Irakkriegs erinnerte. Auch heimische Journalistenprominenz
stimmte ins Brustgetrommel mit ein - "Freiheit für den Mann!“, bloggt
etwa "profil“-Herausgeber Christian Rainer und fügt hinzu:
"Überraschung: Männer sind doch triebgesteuert, metrosexuelle Weicheier
bleiben eine Randerscheinung. Wen wundert’s? Mit lätzchenhäkelnden
Schwanzträgern hätte die Menschheit ungefähr so viel Bestand gehabt wie
die Republik Kugelmugel.“ Das reduziert den Fall von Strauss-Kahn, dem
ein Zimmermädchen versuchte Vergewaltigung vorgeworfen hat, noch ex post
auf einen bewundernswerten Akt der Potenz.
Dabei wurde DSKs
Unschuld ja gar nicht bewiesen. Das anzeigende Zimmermädchen hat seine
Aussage nicht zurückgezogen - aber nach der Durchleuchtung durch DSKs
ausgezeichnete Anwälte, unterstützt durch Ex-CIA-Mitarbeiter, hat es
jegliche Glaubwürdigkeit verloren. Wenn Aussage gegen Aussage steht, hat
eine Wiederholungslügnerin keine Chance. Man wird die Wahrheit nicht
mehr erfahren - doch das geht im Triumph unter.
Yes, we Camp
Die Generation Staatspleite
besetzt in Spanien Plätze in 60 Städten. Report aus einer Bewegung, die
aus dem Nichts kam.
Wahlabend in Spanien. Es ist Sonntag, und
auf Madrids Hauptplatz Puerta del Sol stehen 20.000 Menschen, wie jeden
Abend seit einer ganzen Woche. Die Hände sind erhoben, Schlüsselbunde
rasseln. Im Radio werden die Wahlergebnisse der Kommunal- und
Regionalwahlen durchgegeben - des Tests für die Wahlen 2013: Ein Debakel
für die regierenden Sozialisten, die Konservativen gewinnen überall
dazu. "Que no! Que no! Que no nos representan! Sie vertreten uns
nicht!“, schallt es aus 20.000 Kehlen im Chor. "Uns ist völlig egal, wer
bei den Wahlen verliert oder gewinnt“, sagt José, 25,
Maschinenbauingenieur - und wie fast die Hälfte seiner Altersgenossen
arbeitslos. "Das ist keine Demokratie mehr, sondern Korruption und
Betrug. Wir machen da nicht mehr mit.“ Auf seinem Schild steht:
"Demokratie: Bitte das Hirn am Eingang abgeben.“
Dann brandet
zum ersten Mal Jubel auf: Eine Million der abgegebenen Stimmen sind
ungültig - ein Rekord. "Unser Motto heißt: Wähl sie nicht“, erklärt
José. "Ungültig wählen ist ein Zeichen - dafür, dass es so nicht mehr
weitergeht.“
Während in Österreich Bankiers die Artikulation
der grassierenden Politikverdrossenheit übernehmen, ist es in Spanien
die Generation Staatspleite, die ihrem Unmut lautstark Luft macht: Seit
einer Demonstration "für echte Demokratie“ am 15. Mai ist der Hauptplatz
in Madrid zu einem Camp der Empörten geworden. Täglich kommen mehr zu
den Versammlungen, ab Samstag ist die Puerta del Sol zu klein, die
Diskussionsgruppen breiten sich mit ihren Zelten auf die umliegenden
Plätze des Zentrums aus. In 60 weiteren Städten entstehen Wut-Camps,
Twitter und Facebook gehen über vor Protest-Kommunikation. Eine Welle
der Empörung rollt durch Spanien - und sie sieht anders aus, als es
irgendwer erwartet hätte.