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TEXT, Do 28.07.2011

USA: Mit Vollgas gegen die Wand

US-Schuldenkrise. Die USA verlieren in wahltaktischen Spielchen ihre Glaubwürdigkeit als Weltwirtschaftsmacht. Erschienen in News 30/11

Freitagnachmittag, der heißeste Tag des Jahres in New York City. Draußen auf der Wall Street versinken Stöckelschuhe im weichen Asphalt, drinnen an der Bar des Cipriani’s, After-Work-Treffpunkt der Finanzhaie, frösteln die Banker in ihren Maßanzügen - und das liegt nicht nur an der rabiaten Klimaanlage. Der große Flachbildschirm an der griechisch dekorierten Wand zeigt einen Countdown: 10 Tage, 6 Stunden, 24 Minuten bis zum Bankrott der USA, der größten Volkswirtschaft der Welt. Denn bis 2. August müssen sich der demokratische Präsident Barack Obama und die republikanische Mehrheit im Kongress geeinigt haben, die gesetzlich festgelegte Schuldengrenze von 14,3 Billionen Dollar anzuheben - oder die USA können ihre Rechnungen nicht mehr zahlen.

"Bis heute haben wir noch Witze darüber gemacht, dass wir bald Griechenland sein werden“, sagt Jonathan Liu, Investement-Banker bei einem Wall-Street-Platzhirschen. "Aber jetzt wird es ernst.“ Soeben sind Barack Obama und John Boehner, republikanischer Sprecher des Repräsentantenhauses, ohne Ergebnis auseinandergegangen und haben der Wall Street einen Wochenend-Schock verpasst. "Wenn sie sich bis Montag nicht einigen, ist das ein fatales Signal“, seufzt Harry Martinez, 29 und Millionär. Er ist bei einem großen Hedgefonds für Staatsanleihen zuständig. "Das heißt Büro statt Strand am Wochenende.“

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TEXT, Do 7.07.2011

Fall DSK Teil 2: Kulturbruch im Macho-Land

Corinna Milborn über die neue Anzeige wegen versuchter Vergewaltigung gegen Dominique Strauss-Kahn - und die Folgen für die französische Männergesellschaft. Kommentar erschienen in News 27/11, 7.7.2011

Mit dem Zusammenbruch der Anklage gegen Dominique Strauss-Kahn und seinem triumphalen Auszug aus dem Hausarrest brach am Wochenende in Frankreich ein patriotischer Jubel aus, der in seinem Anti-USA-Geheul an Zeiten des Irakkriegs erinnerte. Auch heimische Journalistenprominenz stimmte ins Brustgetrommel mit ein - "Freiheit für den Mann!“, bloggt etwa "profil“-Herausgeber Christian Rainer und fügt hinzu: "Überraschung: Männer sind doch triebgesteuert, metrosexuelle Weicheier bleiben eine Randerscheinung. Wen wundert’s? Mit lätzchenhäkelnden Schwanzträgern hätte die Menschheit ungefähr so viel Bestand gehabt wie die Republik Kugelmugel.“ Das reduziert den Fall von Strauss-Kahn, dem ein Zimmermädchen versuchte Vergewaltigung vorgeworfen hat, noch ex post auf einen bewundernswerten Akt der Potenz.

Dabei wurde DSKs Unschuld ja gar nicht bewiesen. Das anzeigende Zimmermädchen hat seine Aussage nicht zurückgezogen - aber nach der Durchleuchtung durch DSKs ausgezeichnete Anwälte, unterstützt durch Ex-CIA-Mitarbeiter, hat es jegliche Glaubwürdigkeit verloren. Wenn Aussage gegen Aussage steht, hat eine Wiederholungslügnerin keine Chance. Man wird die Wahrheit nicht mehr erfahren - doch das geht im Triumph unter.

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TEXT, Do 26.05.2011

Yes, we Camp

Die Generation Staatspleite besetzt in Spanien Plätze in 60 Städten. Report aus einer Bewegung, die aus dem Nichts kam.
 
Wahlabend in Spanien. Es ist Sonntag, und auf Madrids Hauptplatz Puerta del Sol stehen 20.000 Menschen, wie jeden Abend seit einer ganzen Woche. Die Hände sind erhoben, Schlüsselbunde rasseln. Im Radio werden die Wahlergebnisse der Kommunal- und Regionalwahlen durchgegeben - des Tests für die Wahlen 2013: Ein Debakel für die regierenden Sozialisten, die Konservativen gewinnen überall dazu. "Que no! Que no! Que no nos representan! Sie vertreten uns nicht!“, schallt es aus 20.000 Kehlen im Chor. "Uns ist völlig egal, wer bei den Wahlen verliert oder gewinnt“, sagt José, 25, Maschinenbauingenieur - und wie fast die Hälfte seiner Altersgenossen arbeitslos. "Das ist keine Demokratie mehr, sondern Korruption und Betrug. Wir machen da nicht mehr mit.“ Auf seinem Schild steht: "Demokratie: Bitte das Hirn am Eingang abgeben.“

Dann brandet zum ersten Mal Jubel auf: Eine Million der abgegebenen Stimmen sind ungültig - ein Rekord. "Unser Motto heißt: Wähl sie nicht“, erklärt José. "Ungültig wählen ist ein Zeichen - dafür, dass es so nicht mehr weitergeht.“

Während in Österreich Bankiers die Artikulation der grassierenden Politikverdrossenheit übernehmen, ist es in Spanien die Generation Staatspleite, die ihrem Unmut lautstark Luft macht: Seit einer Demonstration "für echte Demokratie“ am 15. Mai ist der Hauptplatz in Madrid zu einem Camp der Empörten geworden. Täglich kommen mehr zu den Versammlungen, ab Samstag ist die Puerta del Sol zu klein, die Diskussionsgruppen breiten sich mit ihren Zelten auf die umliegenden Plätze des Zentrums aus. In 60 weiteren Städten entstehen Wut-Camps, Twitter und Facebook gehen über vor Protest-Kommunikation. Eine Welle der Empörung rollt durch Spanien - und sie sieht anders aus, als es irgendwer erwartet hätte.

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